Pippi Langstrumpf - Ich lasse nichts aus

Ich nehme an einer Hochzeitsfeier teil. In der Kirche hält die kleine Anastasia keine Ruhe. Sie stört ihre Sitznachbarn. Sie plappert unablässig und blättert im Gesangbuch. Sie ist Einzelkind. Anastasia wird von ihrer offenbusigen Mutter frei erzogen. Auch ihr Vater läßt sie machen.

Mir begegnet auf der Feier eine Lehrerin. Ihre Schwester ist Ärztin. Sie wirkt verschlossen, doch sie trägt ihren Busen selbstbewußt und recht offen vor sich her. Ich zeige ihr das Buch: "Steuerrecht des Lebens". Ich schlage die Seite mit dem Gedicht "Gottbestimmtes Handeln" auf. Erstaunt ist sie darüber, daß ich von Gott spreche. Sie habe sich noch nicht zu ihm bekannt, spüre jedoch, daß sich in ihr etwas Religiöses bewege. Sie ist 39 Jahre alt. Sie macht eine Weiterbildung, nimmt Klavierunterricht, lernt Segeln und Filmen. Sie fährt liebend gern Motorrad. Sie hat zwei Söhne, vier und sechs Jahre alt. Sie strahlt: "Ich lasse nichts aus." Stolz verkündet sie: "Ich bin alleinerziehende Mutter."

Sie ist geschieden. Auch ihr neuer Freund liebt das Motorrad. Sie hat eine Dreiviertel-Stelle, "jagt nach Hause", so ihre Worte, schaut nach den Söhnen. Diese nennen den Freund, der seit einem Jahr bei ihnen wohnt, Papa.

Er fragt mich, was das Traumsymbol Motorrad bedeute. Ich erkläre ihm: "Einerseits Lebensfreude, andererseits die Aufforderung, eine infantile Lebensform hinter sich zu lassen." Er ist geschieden, hat eine Tochter. Sie lebt bei ihrer Mutter. Er raucht wie ein Schlot.

Diese Hochzeitsgesellschaft bewegt mich zutiefst. Die ältere Generation hat Kinder, ist verheiratet, die mittlere geschieden, alleinstehend, einsam, unverheiratet, in wilder Ehe lebend. Wilde Ehe? Der Begriff ist veraltet. Alle Lebensformen sind wohlgelitten, das Herausstellen der Ehe, in der sich Mann und Frau in Gottes Namen vereinigen, ist heute eine Diskriminierung aller anderen Lebensformen. "Ich lebe mich aus. Ich lasse nichts aus." Diese Lebensart des Pluralismus, der absoluten Toleranz, der Kaltherzigkeit, der staatlich gelenkten Krippenzucht hat ihre Mitte nicht gefunden. Die göttliche Ordnung verneint sie. Gottes Wort wird das Wort einer Göttin untergeschoben, die Kirchen sind so leer wie das Jagen nach Wohlstand und schierer Lebenslust.
Wo ist die Mitte? Täglich erfahre ich vom Unglück, von den Ängsten, der Untreue dieser Menschen. Scheidungskinder, Vernachlässigte, Krippengeschöpfe. Es sind depressive, identitätsarme, liebesunfähige Frauen. Sie werden mehr oder weniger früher oder später seelisch erkranken. Was ist zu tun?

 

 

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